Dienstag, 9. September 2014

Das ADHS-Gespenst geht um....

Ein Thema, das mir persönlich sehr am Herzen liegt, ist das "Krankheitsbild" ADS bzw. ADHS.

Die drei bzw. vier Buchstaben stehen für das lange Wort "Aufmerksamkeits-Defizits- (Hyperaktivitäts-)Störung /-Syndrom.

Geht man von dieser Bezeichnung aus, so kann man zunächst behaupten, dass im Prinzip jeder Mensch einmal unter diesem Syndrom leidet.
Denn wer von uns hat nicht einmal ein Defizit an Aufmerksamkeit, ein Konzentrationsloch oder einen extremen Energieschub? Bei Menschen, vor allem Kindern, bei denen ADHS diagnostiziert wird, wirken sich diese Symptome allerdings auf das gesamte Leben aus und führen nicht selten zu sozialen Problemen und Lernschwierigkeiten.

Laut WHO sei ein Mensch dann gesund, wenn er sich überwiegend in einem „Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens" befindet. "In diesem Sinne ADHS dann behandlungsbedürftig, wenn die Ausprägung der Symptome zu einer deutlichen Beeinträchtigung im Leistungsbereich und Sozialbereich führen. Auch wenn der Betroffene darunter leidet oder gar weitere psychische Störungen (Suchtgefahr, Depressionen, Agressivität) die Folge sein könnten." (Quelle: http://www.adhs.de/)

Wenn wir uns an unsere eigene Schulzeit und an unsere damalige Mitschüler zurück erinnern, so wird uns sicherlich auch der ein oder andere "Zappelphillip" oder "Träumer" einfallen...
Davon, dass erste/r unter ADHS und zweite/r unter ADS litt, wird uns dahingehend allerdings eher nicht in den Sinn kommen und davon wird auch damals kaum ein Lehrer, Art oder Elternteil gesprochen haben.

Gehen Sie heutzutage in eine Schulklasse, so werden sie einen gravierenden Unterschied sofort erkennen: Heute werden sie nicht mehr vereinzelt Kinder antreffen, die sich nicht konzentrieren können und sodann träumen oder extrem aktiv werden, sondern einige. Auch die Sicht auf das Kind seitens der Eltern hat sich verändert: Viel rascher als früher besuchen sie Experten, wenn ihnen am Kind etwas "komisch vorkommt" und erhalten nicht selten auch eine Diagnose präsentiert.

Woran es konkret liegt, dass viel mehr Kind Auffälligkeiten als vor Jahrzehnten aufweisen, ist bisher noch nicht wirklich erwiesen. Allerdings spielen hier wohl einige gesellschaftliche und auch technische Apsekte eine Rolle: Wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit, auf uns tröpfeln unzählige äußere Einflüsse herab, wir sind immer und überall erreichbar und so mancher taucht über Computer- oder Konsolenspiele in Traumwelten ab, die ebenfalls grell, rasant und laut sind, manchmal sogar voller Gewalt. Dies alles betrifft auch schon die Jüngsten in unserer Gesellschaft.


In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten wurde in Bezug auf ADHS sehr viel geforscht und insbesondere die Pharmaindustrie auf diese "Störung" aufmerksam. Dementsprechend sind manche Ärzte, Therapeuten, Lehrer und auch Eltern mittlerweile sehr schnell mit der Diagnose ADHS.
Jedoch - und das ist ganz wichtig: Nicht jedes überaus aktive oder sehr verträumte Kind hat eine pathologische Störung, sollte eine Therapie erhalten und bedarf sogar vielleicht einer Medikation.
Sollte Ihnen also ein Experte die Diagnose präsentieren oder gar zu der Einnahme von Ritalin und Co. raten, so sollten sie auf jeden Fall andere Expertenmeinungen (auch die der Lehrer, von Ergotherapeuten, Psychologen etc.) hinzuholen, bevor eine Medikation erfolgt.


In meinem Lehreralltag biete ich Eltern "auffälliger" Kinder in regelmäßigen Abständen Sprechstunden an, in denen wir - mit dem Kind zusammen - über Fortschritte und weitere Ziele sprechen. Meistens begleiten diejenigen Kinder, bei denen entweder ADHS festgestellt wurde oder die Diagnose im Raume steht, Verhaltenstagebücher, in der sie 

- entweder nach jeder Schulstunde
- oder nach jedem Schultag

das eigene Arbeiten und Verhalten reflektieren, mit einem Symbol versehen (z.B. mit einem Smiley) und gleichsam ein begründetes Feedback der Lehrkraft erhalten. Mit den Eltern wird dann eine Art Belohnung vereinbart, die eingelöst wird, wenn ein vereinbartes Ziel erreicht wurde (ich schlage jedoch eine Ablenkung nicht-materieller Art vor).
Häufig, so habe ich erlebt, gleichen sich nach einer gewissen Zeit die Eigen- und Fremdeinschätzung an und die Kinder lernen zum Teil, ihr eigenes Verhalten zu steuern.


Zudem gehören in meinen Unterricht auch stets Bewegungselemente für ALLE Kinder, um die Konzentration wieder "aufzufrischen" und dem kindlichen Bewegungsdrang entgegen zu kommen. Hiervor profitieren aber vor allem auch die sehr aktiven und unkonzentrierten Kinder.
Sollten diese Pausen nicht ausreichen, so schließe ich auch "Verträge" mit diesen ab, dass sie "einmal auf Toilette laufen" dürfen, wenn sie mir ein bestimmtes Codewort nennen. Dies darf natürlich nicht Überhand nehmen, sondern eine gewisse Anzahl (1 oder 2 x) pro Stunde nicht übersteigen.


Aber es gilt immer: Man muss viel Geduld und starke Nerven haben! Dies gilt für die Lehrer, die begleitenden Therapeuten, aber vor allem das Kind selbst sowie deren Familien.


Die Diagnose AD(H)S ist nicht einfach. Es ist noch nicht einmal komplett bewiesen, dass es die Erkankung oder Störung in der derzeitigen Ausprägung tatsächlich gibt (www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-01/adhs-behandlung-psychologe-johannes-streif). Allerdings gibt es mittlerweile viele Fachseiten im Internet, unzählige Arzt- oder Therapeutenpraxen und Beratungsstellen, die Ihnen zur Seite stehen können, falls Sie den Verdacht haben. Eine für mich persönlich gut gelungene Seite ist folgende:  http://www.adhs.de.

Diese informiert Sie nämlich auch darüber, dass trotz bestimmter Symptome und Auffälligkeiten, die für ADHS sprechen könnten, noch längst nicht tatsächlich eine solche sein muss:
"Natürlich hat nicht jeder, der ein solches Verhalten an den Tag legt, deshalb ADHS! Die Menschen sind verschieden, die einen spontan und temperamentvoll, die anderen bedächtiger. Und von Kindern und Jugendlichen kann man sowieso nicht erwarten, dass sie immer überlegt und mit Bedacht handeln. Es geht hier um die Menschen, denen die altersentsprechende Impulskontrolle trotz guten Willens nicht gelingt und die dadurch in Schule, Beruf und Privatleben in große Schwierigkeiten kommen. Es geht um die, die immer ins gleiche "Fettnäpfchen" treten und daran leiden.
Ganz besonders charakteristisch und treffend ist "Michel aus Lönneberga" von Astrid Lindgren als ein solch impulsives Kind in der Kinderliteratur beschrieben. Er hat die tollsten spontanen Einfälle, die er auch umgehend in die Tat umsetzt, ohne ohne lange nachzudenken. Er meint es nie böse, nur eben... "kaum gedacht und schon getan". Und das eben mal so, ohne die Folgen und Gefahren zu bedenken". (Quelle: http://www.adhs.de/1kenn/leitsymptome-adhs.html).

Falls Sie Fragen oder konkrete Tipps haben möchten, melden Sie sich doch einfach bei mir.  





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